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BSWW.de: Schwartz, ungesüßt... - "The Wrestler"
Hallo liebe Leser und ein herzliches Willkommen zu einer Sonderausgabe von Schwartz, ungesüßt... Viel Gutes hat man in den letzten Wochen über "The Wrestler" lesen können. Moment... ein Film, in dem es auch ums Wrestling geht, der von Filmkritikern auf der ganzen Welt gelobt wird?! Kann nicht sein? Kann doch sein!
Wovon handelt „The Wrestler“? Es geht in dem Film, um den ehemals großen Wrestling-Star Randy „The Ram“ Robinson, der in den 80er Jahren überall für ausverkaufte Hallen gesorgt hat. 20 Jahre später hält sich Randy mit Gelegenheitsauftritten über Wasser. Das Publikum ist wesentlich kleiner geworden und auch die Gage, für die Robinson so einiges mit sich machen lässt, ist geschrumpft. Als er nach einem blutigen Hardcore Match einen Herzinfarkt erleidet, rät ihm sein Arzt, nie wieder in den Ring zu steigen, um sein Leben nicht zu gefährden. Randy will sein Leben umkrempeln, mit seiner entfremdeten Tochter ins Reine kommen und eine Stripperin, die er vergöttert, näher kennenlernen. Doch so ganz kommt Robinson nie vom Wrestling-Business los.
„The Wrestler“ ist für mich kein typischer Sportfilm, wie es auf den ersten Blick vielleicht klingen mag. Und schon gar nicht sollte man sich den Film anschauen, wenn man einen Hochglanz-Actionfilm mit möglichst vielen In-Ring-Szenen sehen will, bei dem pausenlos die Post abgeht. „The Wrestler“ ist hauptsächlich ein Charakterdrama und man muss mit diesem Genre etwas anfangen können, um den Film zu mögen. Wenn das der Fall ist, wird man eine grandiose Charakterstudie zu sehen bekommen, die zu Recht so hoch gelobt wird. Als reiner Wrestling-Fan mit den falschen Erwartungen würde man enttäuscht und möglicherweise gelangweilt werden, was dem Film ganz und gar nicht gerecht werden würde. Es ist ein anspruchsvoller Film, der auf ein bestimmtes Publikum zielt. Mainstream? Garantiert nicht!
Deutlich im Mittelpunkt steht die fast schon dokumentarische Charakterzeichnung des abgewrackten Ex-Stars, der immer noch in der Vergangenheit lebt und von seinen einstigen Erfolgen zehrt. Randy „The Ram“ Robinson lebt in seiner eigenen Welt. „Nenn mich Randy“, bittet er mit Nachdruck alle Menschen, die ihn mit seinem bürgerlichen Namen Robin Ramzinsky ansprechen. Er ist stolz auf das, was er einst erreicht hat und will sich seine Illusion von sich selbst aufrecht erhalten. Er schluckt Steroide und Hormone, pflegt penibel seine blonde Mähne und geht regelmäßig ins Solarium. Dass er dafür so viel Geld ausgibt, dass er nicht einmal die Miete für seinen Trailer bezahlen kann, ist ihm egal. Mick Foley hat in einem Review zu „The Wrestler“ für das Slate Magazine betont, dass man hiermit offenbar ein sehr realistisches Bild eines (Ex-)Wrestling-Stars zeichnen konnte: „I found great authenticity in so many aspects of Randy's battered psyche. His constant need for acceptance (…) is a theme that many a wrestler will grudgingly admit to connecting with.” Dass sein Ruhm jedoch längst verblasst ist und er nur noch in seiner Wrestling-Welt ein bekanntes Gesicht ist, wird „The Ram“ immer wieder vor Augen geführt, besonders von seinem Chef aus dem Supermarkt, in dem er arbeitet. „Bist du etwas Besonderes?“, fragt dieser ihn provokativ, als Randy das Namensschild mit seinem bürgerlichen Namen nicht tragen will. Tief in seinem Inneren weiß „The Ram“, dass er ein Niemand ist, was in mehreren sehr emotionalen Szenen immer wieder deutlich wird. Großartig hierbei eine Szene, als er sich bei seiner Tochter dafür entschuldigt, dass er nie für sie da war und offen legt wie es tief drin hinter dieser Fassade aussieht. „Es ist nur die Welt da draußen, in der ich verletzt werden kann“, erkennt der Star aus den 80ern schließlich, als er in einer Wrestling-Arena steht und trotz starker Herzprobleme auf seinen Auftritt wartet. Gerade an dieser Stelle des Films ein Satz, der wie so vieles in den 109 Minuten unter die Haut geht. Dabei wirkt die Hauptfigur jedoch stets sympathisch, da sie etwas von einem tapsigen Bären hat, der sich in der realen Welt einfach nicht zurecht findet. Unheimlich komisch, aber dabei auch wieder gleichzeitig unfassbar tragisch sind beispielsweise die Szenen, in denen Randy ein Versöhnungsgeschenk für seine Tochter kaufen will, oder als er hinter der Feinkost-Theke unter einem Haarnetz versteckt Kunden bedienen muss. Halt sucht er bei Stripperin Cassidy, in der er eine Seelenverwandte erkennt. Auch ihre große Zeit ist vorbei und auch sie will es nicht wahrhaben. „Du könntest ja meine Mutter sein“, lästert ein junger Mann auf seinem Junggesellenabschied. Randy und Cassidy, die eigentlich Pam heißt, geben sich immer wieder gegenseitig Halt. Für Randy ist Cassidy immer noch unheimlich attraktiv und während sie ihm einen Lapdance bietet, hört sie ihm gerne bei seinen Geschichten von längst vergessenen Siegen zu. Szenen, die ohne viel Action alles über die Hauptfiguren des Films aussagen. Im Gegenteil: Es sind genau diese Abschnitte, die „The Wrestler“ zu einem so großartigen Film machen und nicht die Wrestling-Sequenzen. Das anerkannte Branchen-Blatt Variety hat hierzu geschrieben: „Rourke schafft ein bewegendes Portrait, das sofort seinen Platz unter den großen, ikonischen Leinwand-Darbietungen einnehmen wird“
Natürlich funktioniert so etwas nicht, wenn man sich nicht auf erstklassige Schauspieler verlassen kann. Ursprünglich war Nicolas Cage für die Rolle des abgehalfterten Ex-Stars eingeplant, aber Regisseur Darren Aronofsky wollte unbedingt den mittlerweile 56-jährigen Mickey Rourke haben: „Ich wollte einen Schauspieler, der selber schon einiges durchgemacht hat.“ An einigen Stellen kann man lesen, Rourke habe zunächst abgelehnt, bis er doch überzeugt werden konnte. Er selbst sagt in einem Interview mit dem Magazin Focus dazu: „Ich wollte unbedingt mit Darren Aronofsky arbeiten, über den ich jede Menge Gutes gehört hatte.“ Aronofsky hat mit Mickey Rourke aus meiner Sicht definitiv die Idealbesetzung gefunden.
Der für sein exzentrisches Verhalten – die Zeitschrift Maxim nennt es eine „Du-weißt-wohl-nicht-wen-du-vor-dir-hast-Arschloch-Attitüde“ – bekannte Rourke hat selbst schon einen tiefen Fall hinter sich. Das erste Mal fiel er 1981 in einer kleinen Rolle in „Body Heat“ auf, der Durchbruch gelang ihm 1983 mit „Rumble Fish“. Mickey Rourke wurde durch den Erotikthriller „9 ½ Wochen“, in dem er erotisch mit Kim Basinger zu Werke ging, zum Frauenschwarm und hatte 1987 mit dem famosen „Angel Heart“ so etwas wie einen Höhepunkt erreicht. Doch Rourke hatte genug von Hollywood. 1991 entschied er sich Profi-Boxer zu werden und hämmerte damit den ersten Nagel in den Sarg für seine Schauspielkarriere. Fünf Jahre lang hielt er sich damit über Wasser. Sein attraktives Gesicht wurde dabei zerstört, die viele Schönheits-Operationen taten ihr Übriges dazu. Rourke trennte sich von seiner Frau Carré Otis und verlor sein Hab und Gut. Mitte der 90er war er ganz unten angekommen. „Es tat weh, Mickey Rourke zu sein. Ich bin wütend aufgewacht und wütend ins Bett gegangen“ …„Ich glaube, ich war wirklich geisteskrank und lief Amok“, resümiert Rourke heute in besagtem Interview mit dem Focus. Sein erstes Comeback feierte Rourke bereits 2005 in „Sin City“, mit dem gefeierten „The Wrestler“ ist er endgültig wieder auf dem Gipfel angekommen. Immer wieder liest man von der „Rolle seines Lebens“. Bei den Oscars ging er zwar leer aus, den Golden Globe hat sich Rourke aber redlich verdient. Für seine Rolle als Wrestler hat er viel auf sich genommen. Täglich tranierte er mit einem israelischen Armee-Ausbilder, legte 20 Kilogramm an Muskelmasse zu und nahm möglicherweise sogar selbst Steroide, wie er auf Nachfrage des Men’s Journal indirekt zugegeben hat: „Wenn ich einen Wrestler spiele, verhalte ich mich auch wie einer.“ Die Rolle von Randy Robinson legte Rourke an einen Freund seines Bruders an, der als Teilzeit-Wrestler Magic aktiv war. „Ich fand das Drehbuch allerdings eher mittelmäßig und fürs Wrestling hatte ich überhaupt keinen Respekt. Aber Darren erlaubte mir, alle meine eigenen Szenen umzuschreiben, und ich brachte viel aus meiner eigenen Vergangenheit mit in den Film.“ Aronofsky wusste offenbar, warum er unbedingt Mickey Rourke haben wollte, auch wenn dieser anfangs noch Probleme bei der Umstellung vom Boxen aufs Wrestling hatte: „Beim Boxen kommt die ganze Bewegung aus der Schulter, von unten. Beim Wrestling holst du wie ein Depp von ganz weit hinten aus. Am Anfang musste ich mich richtig durch das Training quälen. Ich hatte einfach die falsche Einstellung: Wrestling ist für Idioten. Es dauerte mehr als sechs Wochen, bis ich darüber hinwegkam.“
Wie wurde aus diesem Wrestling-Verachter doch noch jemand, der sogar einen Auftritt bei WrestleMania XXV in Erwägung zog (der übrigens immer noch nicht eindeutig vom Tisch ist)? „Irgendwann, nach sechs Wochen, kriegte Darren mich klein. Ich hörte auf, mich dafür zu schämen, dass ich einen Wrestling-Film drehe. Und plötzlich machte es Spaß. Und dann wollte ich beweisen, dass ich das genauso gut kann wie diese Wrestling-Trottel. Also überredete ich den Stunt-Coordinator, mir neue, kompliziertere Bewegungen beizubringen. Ich wurde so ehrgeizig, dass ich am Wochenende heimlich trainierte und Darren und die Fans am Montag mit neuen Moves überraschte.“ Dass ihn der Ehrgeiz gepackt hatte, sieht man Rourke auch in jeder Wrestling-Szene des Films an. Natürlich muss man beachten, dass ihm hierbei sicherlich eine Fehler kaschierende Schnittarbeit des Cutters zu Gute kam. Allerdings sieht vor allem der „Ram Jam“, ein Flying Headbutt vom Top Rope, wirklich klasse aus. Und auch ansonsten überzeugt Mickey Rourke bei den In-Ring-Szenen. So hat er beispielsweise außerdem noch einen Enziguri und eine Headscissor zu bieten. Wer nun vermutet, hier sei lediglich ein Stuntman am Werke, der ebenfalls lange blonde Haare hat, liegt falsch. Eine der Anforderungen des Regisseurs war es, dass sein Hauptdarsteller auch diese Szenen selbst spielt. Dass das Ganze letztlich noch realistischer wirkt, dafür sorgt das Publikum im Film. Die Szene wurden nämlich bei echten Wrestling-Veranstaltungen – z.B. von Combat Zone Wrestling und Ring of Honor – gedreht, weil das Budget des Films zu klein war, um selbst so etwas zu organisieren. Natürlich darf der Blick hinter die Kulissen dabei nicht fehlen. Für die einen wird er ernüchternd ausfallen, die anderen werden fasziniert davon sein, wie hier gearbeitet wird. Auf jeden Fall scheint der Regisseur auch hier sowohl bei Szenen im als auch außerhalb des Rings den richtigen Ton getroffen zu haben, wie Mick Foley in seinem Review bestätigt: „Aronofsky also achieves an authentic atmosphere in the variety of wrestling venues he showcases. His decision to cast working independent wrestlers and to film at real independent wrestling shows was wise and gives the film a gritty documentary feel. The Wrestler also does a wonderful job depicting the backstage camaraderie among Randy's fellow wrestlers, the eclectic blend of muscle heads, dreamers, athletes, and artists who serve as an unlikely support system for Rourke's character.” Foley muss es wohl wissen, seine Aussagen sprechen für sich. Wenn sich jemand, der offenbar wenig mit Wrestling am Hut hat, dazu äußert, klingt es übrigens so wie in Europas größter Filmzeitschrift Cinema, die davon spricht, dass in diesen Sequenzen „respektvoll die bizarr-familiäre Parallelwelt hinter der clownesken Catch-Kulisse erforscht“ wird.
Ein kleines Schmankerl für uns Wrestling-Fans ist es dabei natürlich, einige berühmte Gesichter in kleinen Nebenrollen zu sehen zu bekommen. So spielt R-Truth, als der wohl berühmteste unter vielen, einen Bekannten von Robinson und ist auch ganz kurz in Action zu sehen. Ernest „The Cat“ Miller, den einige noch als WCW-Commissioner in Erinnerung haben könnten, gibt den alten Rivalen The Ayatollah, der 20 Jahre nach ihrer großen Fehde noch einmal gegen Robinson zum Jubiläumskampf in den Ring steigt. Wer genau hinschaut wird u.a. auch noch Claudio Castagnoli oder Austin Aries erkennen können. Hier macht der Film als Wrestling-Kenner natürlich noch ein bisschen mehr Spaß als bei den Zuschauern, die sich mit der Materie nicht so auskennen.
Erstmals wurde „The Wrestler“ bei den renommierten Filmfestspielen in Venedig gefeiert, wo Regisseur Darren Aronofsky einen Goldenen Löwen bekam. Bekannt wurde der Regisseur durch den Film „Pi“ bevor er mit „Requiem for a Dream“ einen der besten Drogenfilme aller Zeiten drehte. Ihm, der sich – so mein Eindruck – ganz offenbar intensiv und ohne Vorurteile mit der Materie Wrestling befasst hat, ist es auch zu verdanken, dass Mickey Rourke so eine famose Schauspielleistung abliefert, wie der Hauptdarsteller selbst im Portrait der Maxim einräumt: „Er sagte mir: ‚Du musst mich respektieren. Du musst alles tun, was ich dir sage.’ Der Typ hat wirklich Eier. Er war überzeugt: ‚Wenn du all das tust, werden wir zur Show gehen.’ Mit der ‚Show’ meinte er die Oscars.“ Naja, er hatte ja nicht gesagt, dass sie den Goldjungen auch gewinnen würden.
Wie weiter oben schon erwähnt, wirkt „The Wrestler“ fast schon semi-dokumentarisch auf mich als Betrachter. Aronofsky platziert die Kamera in sehr vielen Einstellungen direkt hinter der Hauptfigur. Als Zuschauer folgt man Randy Robinson auf Schritt und Tritt und kann ihm bei seinem Handwerk über die Schulter schauen. Ein geschickter Kniff, um den Zuschauer mitten ins Geschehen zu integrieren. Auch bei den Szenen im Ring ist das der Fall. So nah dran ist man im WWE-TV sicherlich nicht. Den Eindruck einer Dokumentation verstärkt auch noch das grobkörnige Bild und die vielen Nahaufnahmen von Gesichtern. Dennoch hält sich der Regisseur mit Mätzchen zurück und zeigt das Wesentliche. Das sind in seinem Film die außerordentlichen Schauspieler und die fabelhafte Charakterzeichnung. An dieser Stelle wird natürlich wie oben gesehen vor allem Mickey Rourke genannt, aber auch Marisa Tomei als alternde Stripperin kann auf ganzer Linie überzeugen.
Wie man aus meinen Ausführungen sicherlich schon herauslesen konnte, war ich begeistert von „The Wrestler“ und würde diesem Film ohne zu zögern 10/10 Punkten geben. Nur wie oben schon angesprochen, darf man als Wrestling-Fan nicht unwissend ins Kino rennen und dann aufgrund falscher Erwartungen enttäuscht sein. Das heißt nicht, dass Wrestling hier nur eine Randerscheinung ist, aber dennoch steht vielmehr der Mensch hinter dem Wrestler im Mittelpunkt, was so manchen enttäuschen könnte, der etwas anderes sehen will. Die Cinema fasst es passend zusammen, wenn dort zu lesen steht: „Regisseur Aronofsky und seine superben Darsteller präsentieren eine bewegende Loser-Ballade – faszinierend und ernüchternd zugleich.“ WWE-Boss Vince McMahon hat den Film anfangs verteufelt, weil hier anscheinend ein ungeschönter Blick hinter die Kulissen des sonst nach außen hin so strahlenden Wrestling-Zirkus geworfen wird. Allein das ist schon ein Grund, den Film anzuschauen und sich selbst eine Meinung zu bilden. Dass Vince seine öffentliche Meinung um 180 Grad gedreht hat, kann man getrost der Tatsache gutschreiben, dass er einfach auch ein Stück vom Publicity-Kuchen abhaben wollte. Der Rummel und die positive Kritik zu „The Wrestler“ übertreiben nicht und zumindest ich kann mich in meinem Review nur anschließen. Mickey Rourke selbst sagt im Focus-Interview: „Ich bin sehr stolz auf diesen Film.“ Ich als Teil des Publikums bin es auch!
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